Sylter Lesekartoffeln

Zutaten
Sylter Lesekartoffeln
Es bleibt auch nach intensiver heimatkundlicher Forschung unbestimmt, welchen Ursprungs dieses traditionelle Gericht ist.
Sind es die Zeiten von Armut und Hunger, die jeweils zwischen zwei Handelsschiffen herrschten, die in stürmischer Nacht mithilfe heimeliger Feuer auf den Strand gelockt wurden? Oder ist es der stolze Nordseeinselbauer, der keinesfalls durch die dicksten Kartoffeln auffallen möchte? Ist es das raue, salzige Klima, das die schöne „Linda-festkochend“ hier zu kleinster Knolle heranwachsen lässt?
Unwissend genießen wir daher eines der geheimnisvollsten Rezepte der genuinen Sylter.
Das Wort Kartoffel stammt vom alten ‚Tartuffel‘ ab und dies wiederum hat seine Wurzeln im alten italienischen ‚tartufo‘ oder ‚tartufolo‘, was eigentlich Trüffel bedeutet. Damit werden wir der Sylter Edelknolle langsam gerecht, die die Grundlage für das folgende Rezept bildet.
Nach jahrelangen vergeblichen Versuchen, gelang es uns endlich im Herbst 2004, das Vertrauen der verschlossenen, ja oft geradezu abweisenden Sylter Kleinbauern zu gewinnen. Mitten bei der Ernte Lindas, überraschten wir Bauer Petersen, als er die gut sortierten Kartoffeln ab 3cm Durchmesser mit einer vollautomatischen Erntemaschine einbrachte, um sie als Schweinefutter, Touristenfutter oder für den Export aufs Festland zu vermarkten. Zurück in der Furche blieben die edlen, kleinen und jetzt benötigten Kartoffel-Trüffelchen. Gegen ein kräftiges Handgeld und mit einem Körbchen ausgestattet, machten wir uns an die Nachlese und hatten bald ein stattliches Häufchen für unseren Gaumenschmaus zusammengetragen.
Die kleinen Knollen werden nun mit zarter Hand sauber gebürstet und geschrubbt und danach in Salzwasser gekocht. Salzwasser, aber mit Betonung auf SALZ. Bei ALDI gibt es das Pfund Salz so günstig, das wir dem Originalrezept folgen können: So viel Salz nehmen, dass die Kartoffeln nicht mehr auf den Boden sinken, sondern oben schwimmen – eine halbe Packung geht dabei wohl drauf.
„Kartoffeln brauchen immer 20 Minuten, das geht auch nicht schneller, wenn man andauernd reinpiekt“, sagte einmal treffend Frau Schmidt zu einer hibbeligen Pflegerin, der die Zeit im Nacken saß – wegen der geringen Größe unserer Exemplare, schauen wir aber doch nach 15 Minuten schon einmal in den Topf: Fertig, abgießen und auf der Herdplatte rütteln, bis sie abgedämpft sind. Jetzt erscheint die leichte, edle Salzkruste auf unseren Trüffeln.
Derweil haben wir reichlich Butter schmelzen lassen und haben darin ebenso reichlich zerdrückten Knoblauch angeschmort. Dieses Buttersößchen geben wir an die Kartoffel und haben nun nach einigem vorsichtigen Schwenken unsere Luxus-Leckerei, die wir zu einer Reihe von ausgesuchten Dipps, Tzatziki, Quark mit Kräutern oder verschieden Frischkäsezubereitungen vom nahe Türken reichen.
Für Familie Frankenberg empfehlen wir zusätzlich grobes Sylter Meerwassersalz in der Mühle für das kräftige Nachsalzen.
September 2006