Fliegenpilz

Zutaten
Fliegenpilz à la carte
Im September steht er hübsch und verführerisch überall im Nadelwald. Er ist der Pilz, den schon Kinder sicher bestimmen können, und dem neben seiner Schönheit auch Giftigkeit nachgesagt wird:
Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) - bezeichnenderweise haben wir diese direkt am Haupteingang vom Ohlsdorfer Friedhof gesichtet.
Ein Wulstling, der jung halbkugelig ganz und gar von einer weißen Hülle eingeschlossen ist, dann sich konvex bis flach aufschirmt, leuchtendrot mit abwischbaren flockigen Pusteln bedeckt ist und bis 15 cm breit wird.
Von einem Verzehr wird abgeraten, er gilt als giftig und das weiß auch jeder!
Aber gerade von dieser Sorte werden schöne und einwandfreie Exemplare für unser September-Rezept benötigt - und leider kann man hier auch nicht wie sonst immer alternativ auf Champels zurückgreifen.
Man sollte schon eine stattliche Zahl der Fliegenpilze sammeln, damit der weitere zu betreibende Aufwand sich auch lohnt und genug Pilz für die Konservierung nachbleibt damit man in der düsteren Herbst- und Winterzeit davon hat.
Die Pilze werden zu Hause von Stiel und Fleisch befreit und Verwendung findet eigentlich nur die Huthaut. Die wird im Backofen bei 50°C getrocknet - dauert ganz schön lange - und unter Wenden wird ein Häufchen Brösel daraus.
Mein Tip: Brösel mörsern, denn die wirksamen Anteile dieses Giftpilzes kommen durchaus in sehr unterschiedlichen Konzentrationen vor, je nach Standort, Größe und Wetter und durch das Mörsern und Mengen erhält man ein homogen giftiges Pülverchen.
So, jetzt ist der Tisch gedeckt:
Das enthaltene Gift ist die Ibotensäure, die im Körper umgebaut wird zu Muscimol. Daneben gibt es zwei weitere Gifte, die aber von ihrer toxischen Wirkung gering sind oder nur in geringer Konzentration vorhanden sind. Alle 3 Gifte wirken aber insektizid - und so wurde der Pilz früher mit Milch übergossen als Fliegenfalle verwendet.
Nun sind wir keine Fliegen, aber wir könnten fliegen, wenn wir von dem Pülverchen genießen wollten. Man muß mit folgenden Wirkungen rechnen: Erregung und Rauschzustände mit optischen und akustischen Halluzinationen.
In Osteuropa wird der Fliegenpilz gezielt als Halluzinogen benutzt auch die germanischen Berserker sollen sie genossen haben. Wenn Du nun Deine germanischen Wurzeln im Rahmen einer Zeitreise erfahren willst, dann wirst Du Dich vorsichtig an die richtige Dosierung herantasten müssen: 2 getrocknete mittelgroße Huthäute, nicht gerade nach einer Mahlzeit genossen, sind für den ersten Versuch wohl schon zuviel. Also weniger nehmen, z.B. ½ Teelöffel voll Brösel. Die Wirkung soll nach ½ bis 3 Stunden eintreten. Also nicht etwa nachbröseln, wenn nicht gleich weiße Mäuse mit Dir durch einen Farbnebel in einem riesigen Konzertsaal und mit der fühlbar stillgestanden Zeit in die 4. Dimension trudeln.
In sich reinlöffeln darf man diese Rauschdroge nicht, denn die Überreizung des Nervensystems führt durchaus zu Bewußtlosigkeit und Atemdepression und in seltenen Fällen zum Tod (genau wie auch VIAGRA !).
Hat man aber die gewünschte Wirkung erzielt, wäre also ein kleiner Vorrat wünschenswert, denn eine neue Mischung heißt auch sich wieder neu herantasten.
Ob wir das Rezept empfehlen können? Ausprobiert haben wir’s noch nicht und LSD ist dann doch unkomplizierter, oder?
September 1999